„Suchtprävention ist kein Sprint, sondern ein Marathon.“

Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Daniela Ludwig, ist die neue Schirmherrin von Jugend will sich-er-leben. JWSL sprach mit ihr über Sucht, die Experimentierfreudigkeit junger Leute und darüber, aufeinander zu achten.

 

JWSL: Daniela Ludwig, warum ist es wichtig über Sucht und Suchtprävention zu sprechen?

Daniela Ludwig: Ganz einfach deshalb, weil Sucht mitten unter uns ist. Sucht ist eine Krankheit, des Körpers und der Seele, die behandelbar ist. Jeder in Deutschland kennt sicherlich jemanden, der betroffen ist, dennoch wird noch immer viel zu wenig darüber geredet. Das muss sich ändern! Prävention ist dabei ein wichtiger Baustein und hilft, Abhängigkeit zu verhindern. Hier gilt: Je früher, umso besser! Dabei brauchen alle einen langen Atem, denn Suchtprävention ist kein Sprint, sondern ein Marathon. Erfolge stellen sich nicht über Nacht ein und Prävention bleibt eine Daueraufgabe für Eltern, Verbände, Lehrer – eigentlich alle. Schließlich müssen auch die nächsten Generationen die gesundheitlichen Risiken von Drogen – legal wie illegal – kennen.

  

Warum ist es Ihnen wichtig, gerade ein Präventionsprogramm für Auszubildende, wie Jugend will sich-er-leben zu unterstützen?

Es ist wichtig, mit Aufklärung und Informationen rund um das Thema Sucht dorthin zu gehen, wo sich die jungen Leute aufhalten. Das kann in der Schule, im Verein, in Clubs oder eben auch im Rahmen der Berufsausbildung sein. Wenn wir auf die Zahlen beim Alkohol- und Tabakkonsum schauen, sehen wir in den letzten Jahren einen deutlichen Rückgang bei den Kindern und Jugendlichen. Das ist klasse und ein echter Erfolg jahrzehntelanger Präventionsarbeit! Jedoch bei den jungen Erwachsenen ist der Trend – gerade beim Alkohol – noch nicht ganz so positiv. Daher müssen wir uns verstärkt um die Altersgruppe ab 17, 18 Jahren kümmern. Damit mit der Volljährigkeit nicht der vernünftige Umgang mit sich selbst endet, sondern so bewusst weitergeht wie bei den Jüngeren.

 

Sind junge Menschen anfälliger für Drogenkonsum?

Junge Leute sind sicherlich neugieriger, experimentierfreudiger und teilweise natürlich auch waghalsiger als Erwachsene, die seit Jahren Verantwortung für Familie und Beruf übernehmen müssen. Sie orientieren sich auch eher noch an Freunden, schauen zu ihnen auf und suchen Vorbilder. Leider manchmal auch die falschen. Daher ist es extrem wichtig, Kinder bereits früh stark und selbstbewusst aufwachsen zu lassen, ihnen klar zu vermitteln, wie sie auf sich und ihre Gesundheit achten können und müssen.

 

Wie kann Suchtprävention, über Verbote hinaus, für junge Menschen erfolgreich sein?

Verbote alleine bringen nichts. Jugendliche müssen verstehen, wo das Problem liegt, was eigentlich „Gesundheit“ für einen selbst bedeutet und warum es so wichtig ist, auf sich zu achten. Dafür muss man mit ihnen offen und ehrlich reden. Das muss in ihrer Sprache passieren. Das heißt, weniger Flyer, mehr Youtube und Instagram. Soziale Medien sind einfach das, was junge Menschen nutzen, um zu kommunizieren.

 

Was kann die Drogenbeauftragte der Bundesregierung für wirksame Suchtprävention tun?

Zum Beispiel gute Projekte und Kampagnen unterstützen, die genau das schaffen: Junge Leute zu sensibilisieren, auf sich und andere Acht zu geben. Kampagnen wie diese.

 

Was können junge Menschen tun, wenn sie bei sich selbst oder bei anderen eine Sucht erkennen? Wen können sie ansprechen?

Da sind wir wieder beim Anfang: Sucht ist eine Krankheit und keine Schande! Wer sich darüber im Klaren ist und das verstanden hat, muss keine Scheu mehr haben, über das Thema Sucht zu sprechen. Wenn der Verdacht besteht, dass Freunde oder Kolleginnen oder Kollegen ein Suchtproblem haben, kann ich nur raten, sich ihn oder sie in einer ruhigen Minute beiseite zu nehmen und behutsam auf ihn oder sie zuzugehen. Sucht ist menschlich, Hilfe ist es auch. 

 

Vielen Dank für das Gespräch!